Europa Hotels

5 Sterne und noch mehr Kreuze – eine Nacht im Parador von Santiago

Eine Nacht für Santiago ist noch weniger als nichts. Sozusagen eine Schande, soviel hat diese Stadt zu bieten. Und das nicht nur für Pilger. Ich gehöre ausnahmsweise nicht zu denen, die wie Hape Kerkeling und Millionen andere entbehrungsreiche Wanderungen durch das spanische Hinterland auf sich nehmen, um hierher zu kommen. Ich muß ab Santiago nur den Flieger nehmen und habe gerade noch Zeit, mir einen lange gehegten Traum zu erfüllen.

Nicht den Ablaß von meinen Sünden der letzten Jahre – dafür hätte ich in einem heiligen Jahr und tatsächlich per pedes herkommen müssen. Außerdem sündige ich als Protestant nicht so exzessiv wie Katholiken.  Allenfalls Völlerei  müsste ich mir vorwerfen lassen. Andererseits sind die Portionen in besseren Etablissements, die ich gerne besuche, so sparsam, daß von Völlerei im engen Sinne kaum gesprochen werden kann. Ein Hauch Wollust vielleicht oder Hochmut käme noch in Frage, gelegentlich wohl dosierte Faulheit. Das sind gerade mal vier von sieben Todsünden. Wie dem auch sei, als Evangele kann ich das recht locker sehen und mir getrost eine Nacht Luxusherberge gönnen.

Luxusnacht im Parador

Und eine solche ist der 5 Sterne Parador Reis Católicos gleich neben der Kathedrale. Schon beim ersten Besuch in dieser Stadt vor fast 20 Jahren hatte es mir das Gemäuer angetan. Aber selbst ein Käffchen in der Bar war damals unerschwinglich, geschweige denn eine Übernachtung. Mittlerweile und verdorben von Hotelpreisen in Zürich, London und anderswo, ist dieses Hotel geradezu ein Schnäppekken.

Ein Parador ist in aller Regel ein historisches Gebäude Spaniens das heute als Hotel dient. Ein altes Schloss, Herrenhaus, eine Burg oder eben – wie in Santiago – ein Pilgerhospital. Im 15. Jahrhundert errichtet, beherbergte der Parador kranke wie gesunde Pilger, die – wie auch heute – zu Hauf kamen, um sich Ihrer Sünden zu entledigen. Und alle – wirklich alle – treffen sich auf dem Platz vor der Kathedrale, flankiert von der prächtigen Fassade des Paradors, der Praza de Obradoiro. Pfadfindergruppen und Priesterseminare finden sich hier ebenso ein wie japanische und amerikanische Touristengruppen, spanische Verbindungsstudenten lassen die Klampfen erklingen und Gläubige stehen ergriffen vor dem Ziel ihrer Pilgerfahrt. Und natürlich fehlen auch die ewig frustierten Esoteriker aller Länder nicht, die noch nicht gemerkt haben, daß ein gutes Glas Wein bei einem heiteren Gespräch erleuchtender sein kann als vegane Kost, Fußpilz und 800 Kilometer Pilgerpfad.

Betritt man dann die Hallen der Paradors, ist all der Trubel draussen vergessen. Das vor der Kathedrale geparkte Auto wird vom emsigen Personal in Empfang genommen und verstaut ebenso wie der Reisekoffer. Dicke Teppiche und noch dickere Mauern schlucken den Schall und es herrscht eine geradezu himmlische Ruhe. Sehr passend in diesem nahezu sakralen Gemäuer. Ähnlich Kreuzgängen in Klostern sind die vier Patios angelegt, teils mit sanft plätschernden Brunnen, von denen man über elegant schlichte Flure in die Zimmer gelangt. Dort wieder schwere Türen und prachtvolle Betten, das Bad wiederum modern. Riesig sind die Zimmer nicht, man befindet sich ja auch in einem alten Krankenhaus, aber behaglich und lassen keine Wünsche offen. Ebensowenig wie die Hotelbar oder das opulente Frühstückbuffet. Wenn man Glück hat, erwischt man einen Tisch am Fenster mit Kirchturmblick. Wenn die Stadt nicht wäre, könnte ich es ewig im Parador aushalten, aber das geht nicht. Ich muß wieder ins Getümmel und Hunger habe ich auch, dämmert ja schon fast.

Ein Bummel durch die alten Gassen, die von Kneipen und Restaurants gesäumten Straßen muß einfach sein. Einige der Spelunken, die ich noch aus Studienzeit kenne, gibt es noch, andere sind mittelmäßigen Tourilokalen gewichen. In den Auslagen der Restaurants hängen monumentale Stücke Fleisch von ehemals glücklichen galizischen Rindern. Hummer und Garnelen warten in trüben Becken auf den Koch und noch mehr Fische liegen – wer weiß wie lange schon – auf Eis und harren der Pfanne. Allerdings habe ich mich schon in La Coruña and gebratenem Fisch und rotem Fleisch mehr als sattgegessen. Es darf gerne etwas anderes sein heute Abend.

Ein Stern macht noch kein gutes Essen

Empfohlen wurde mir die Casa Marcelo. Einmal uneingeschränkt und ein weiteres Mal unter Vorbehalt. Der Skeptiker sollte leider Recht behalten, trotz (oder gerade wegen ?) des Michelinsternes, den die Casa Marcelo ziert. In lockerem Ambiente bei offener Küche wird hier galizisch-asiatisches Crossover zelebriert. Die Idee nicht schlecht. Excellenten frischen Fisch und Meeresfrüchte gibt es in diesem Landstrich wie sonst nirgends, asiatisch ist fast immer leicht und lecker, ein ausgezeichnetes Kontrastprogramm also zur Deftigkeit des Vorabends. Die Ausführung: nun ja. In der Optik spektakulär, Geschmack Geschmackssache. Die Frühlingsrolle mit Schweinebacke zu sauer und von scharfen Sprossen überladen, der Gyoza (asiatische Maultasche) mit Meeresfrüchten von einem fetten Sojaklecks ertränkt. Die Rippchen mit Chimmichurri – einer argentinischen Fleischtunke aus Kräutern, Knoblauch, Chilli – waren zwar so zart, daß das Fleisch schon beim Ansehen vom Knochen fiel, mit Chimmichurri hatte sie säuerliche Sosse mit Senfkörnen allerdings nicht das Geringste zu tun. Gegessen wird mit Einweg Holzbesteck – großes Fragezeichen – getrunken wird lokaler Wein, leider nur drei Tropfen offen. Alles in allem ganz nett und ich würde – schon aus Interesse, zu sehen, ob der Koch nur einen schlechten Tag hatte – wiederkommen. Die Speisekarte liest sich lustig und die Atmosphäre ist entspannt. In Sachen Küche kommt der Laden Trotz Michelinstern aber nicht an As Garzas an der Todesküste heran.

Trotz leichter Enttäuschung falle ich zufrieden ins feudale Bettchen, der Vorhang ist schon zugezogen und alles gerichtet. Jetzt muß ich nur noch träumen…

0 comments on “5 Sterne und noch mehr Kreuze – eine Nacht im Parador von Santiago

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.