Food Lateinamerika

Bolivianische Küche – nix verpasst…

Ich gebe zu, daß ist jetzt eine etwas unfreundliche Überschrift. Aber hier gibt es nichts schönzureden. Bei bolivianischer Küche ist der Ofen aus. Da helfen auch die gefühlt 27.000 Kartoffelsorten, 1300 Maisarten und 16 Formen der Höhenkrankheit nicht weiter. Das Essen in Bolivien ist ein Totalausfall, jedenfalls was die lokale Küche angeht.

Lama Zürcher Art

Mag sein, daß ich hier der ein oder anderen Köchin Unrecht tue und ja, ich gebe zu, diese Zeilen sind höchst subjektiv. Es ist aber nicht so, daß ich nicht alles versucht hätte. Beispielsweise vor zwei Jahren in La Paz. Ausreichend zugedröhnt mit mehreren Litern Cocatee waren mein Geschäftspartner und ich auf der Suche nach authentischem bolivianischem Essen. Nun denn, der Hotelmanager schaute zuerst recht mitleidig, stellte dann fest, daß die gerade noch zu empfehlenden Lokale montags geschlossen seien und schickte uns zu einem Schweizer. Nicht irgendeinem, sondern d e m Schweizer Lokal in der Hauptstadt. Keine schlechte Empfehlung. Das Chalet Suisse serviert mit Abstand das beste Lamageschnetzelte Zürcher Art westlich des Zürichsees. Dazu butterige Spätzle, fast schon Knöpfle (die Badener wissen, was das ist, alle anderen bitte nachschlagen), Wurzelgemüse und ein Weißwein, dessen Provenienz mir entfallen ist. Wahrscheinlich war ich zu sehr von der indianischen Schönheit im Dirndl abgelenkt.

Zwei Tage später schaffen wir es dann tatsächlich in den angesagtesten Bolivianer von La Paz, und was soll ich sagen: der Concierge hatte recht. Bringt nix. Der Höhepunkt des Abendessens war ein Erdbeben in Chile, das uns selbst hier leicht durchruckelte und zwei Flaschen heimischer Tannat, der es in sich hatte.

Bolivianische Küche

Wer nun meint, ich hätte meine kulinarische Forschungsreise in Sachen Andenküche aufgegeben, irrt gewaltig. So leicht lasse ich ich nicht verschaukeln. Schließlich verfügt Bolivien über mehrere Klimazonen, darunter eine der spektakulärsten Salzwüsten (hervorragend, um Fisch einzulegen), Dschungel, Hochland mit noch nicht endeckten Kartoffelsorten und Maiskolben mit faustgroßen Körnern, diverse Kräuter, die sich als Tee und Pulver einnehmen lassen. Im Süden fruchtbares Tiefland, in dem sich Rinder an saftigem Gras laben, sogar eine Weingegend an der Grenze zu Argentinien nennt der Plurinationale Staat Bolivien sein Eigen. Wo mehrere Nationen wie Aymara, Chimán und Guayaru, spanische wie die unvermeidlichen deutschen Einwanderer Land und Küche prägen, muss es doch auch was anständiges zu Essen geben. Ich meine außer gehäckseltem Lama in Rahmsauce.

Diesmal taste ich mich über bolivianische Kunden, die das hier zum Glück nicht lesen können, heran. Es geht in das schickste Restaurant einheimischer Küche in Santa Cruz. Dabei handelt es sich immerhin um die Wirtschaftsmetropole im Süden des Landes mit über einer Million Einwohner. Ich freue mich. Ungefähr solange, bis wir im Casa del Camba sitzen und mein Gegenüber fragt: “Quieres probar el ceviche de lagarto ?”.

Ich erbleiche innerlich, den in meinem Spanisch wurde mir gerade Eidechsenceviche, also rohe in einer Zitrussauce leicht marinierte Echse offeriert. Klar doch, hatte ich noch nie ! Zum Glück entpuppt sich die Echse als Krokodil und das bolivianische Ceviche kommt paniert und frittiert daher. Nochmal Glück gehabt… schmeckt ein bisschen wie Chicken McNuggets von verfetteten Hühnern, die an einer Überdosis Fischmehl gestorben sind.

So gestärkt sind wir bereit für die nächsten Leckereien. Da wäre das im ganzen Land beliebte Sonnenfleisch oder carne de sol. Die Zubereitungsart habe ich nicht hinterfragt, stelle mir das aber ungefähr so vor. Ein – wie auch immer – verendetes Tier (am Abend gab es Rind und Ente) wird so lange in der Sonne liegen gelassen, bis sich das Fleisch vom Knochen löst. In den Höhen der Anden bleibt das natürlich haltbar und wird anschliessend von indianischen Jungfrauen zerfasert und bei Vollmond zum Trocknen gelegt. Dry Aged Beef ist ein Dreck dagegen… Das sonnenzerfaserte Fleisch mischt man anschliessend mit Reis, würzt kräftig, haut ein Spiegelei drauf und gibt satt frittierte Banane bei. Genau das Richtige für einen sportlichen Tag in der Silbermine. Kurz vor dem Schlafengehen jedoch nicht anzuraten. Dann doch lieber Grillgut mit getrockneten lila Kartoffeln oder Maisbrei mit Bohnen. Fazit: ich gehe nächstes Mal wieder zum Schweizer.

Zur Ehrenrettung der bolivianischen Küche: das kulinarische Glanzlicht tauchte ganz unvermittelt eines Tages im Büro auf, und kam in Form von sog. Salteñas daher. Das ist eine Art sehr saftige Empanada, Teig leicht süsslich, gefüllt mit Hähnchen oder ähnlich den argentinischen Teigtaschen mit Rinderhack, Rosinen, Zwiebeln und Eiern. Ausgesprochen schmackhaft. Da kann man drauf aufbauen… Ich gebe so schnell nicht auf und kann meinen nächsten Trip in die Anden kaum erwarten.

Und vielleicht bekomme ich ja den ein oder anderen Hinweis, der meine hier geschilderte Einschätzung Lügen schimpft.

 

4 comments on “Bolivianische Küche – nix verpasst…

  1. Wieder mal super geschrieben… und macht so unheimlich viel keine Lust auf die bolivianische Küche! *höhöhö* Gruss Sylvia

    • Eddy Harteneck

      Moin, werde Dir das nächste Mal etwas Trockenfleisch mitbringen, wird bestimmt das nächste Trendfood… 😉 LG, Eddy

  2. Hallo Eddy,

    super geschrieben. Ich musste sehr schmunzeln beim lesen. Lamageschnetzeltes Züricher Art klingt auf jeden Fall sehr interessant. 🙂 Habe deinen Artikel auf meiner Facebookseite geteilt. Hätte dich gerne auf Facebook markiert aber irgendwie ging das nicht. 🙁

    Viele Grüße
    Peggy

    • Eddy Harteneck

      Moin Peggy, dankeschön auch für das Teilen…bin noch neu beim Bloggen und auch auf Facebook. Weiß noch nicht mal, was markieren in dem Zusammenhang bedeutet….Bis bald mal wieder, Eddy

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