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Verdamp lang her, verdamp lang…. Brighton 2016

Als Kind schon habe ich von Brighton gehört. Im Englischunterricht. Feudales Seebad, erste Adresse in Englands Süden, die berühmte Seebrücke mit ihrem Rummelplatz, altehrwürdige Hotels, belebtes Kneipenviertel, sozusagen von allem etwas. Nun, mein Englischunterricht ist eine ganze Weile her und die besten Zeiten von Brighton offensichtlich noch viel viel länger.

Ein Kongress verschlägt mich hierher, es geht im weitesten Sinne um die Abwicklung von Versicherungsgesellschaften. Passt daher vom Thema recht gut in diese Stadt, die das Stadium der Abwicklung als mondänes Seebad schon durchlaufen hat. Mag sein, daß ich hier etwas hart urteile und eine über Jahrzehnte aufgebaute und dann jäh enttäuschte Erwartungshaltung meine Wahrnehmung etwas trübt. Fakt aber ist, ich habe selten so ein jämmerliches Loch gesehen.

Brighton

Aber von vorne: an einem komplett verregneten mausgrauen Tag, es ist feucht und windig dazu, lässt mich das Taxi vor dem Hotel The Granville, erste Reihe Strandpromenade aussteigen. Das The Granville macht auf Grandhotel in klein. In der Tat befindet sich das erste Hotel am Platze, The Grand, nur einen Block weiter, lediglich vom Hilton getrennt, das dazwischen liegt. Meine Absteige ist also in bester Gesellschaft und scheint sich darauf auszuruhen. Als Pluspunkt darf die riesige Whirlpoolwanne im Badezimmer meiner Kemenate gelten. Ich weiß allerdings nicht, ob man diese mangels Abflussstopfen in Funktion hätte setzen können. Auch beim Strandblick wurde nicht gespart. Die Fenster aus dem 18. Jahrhundert gehen tatsächlich zum Meer. Das dort nun gebaut wird, dafür kann das Hotel nichts und wenn man die Ohren spitzt, hört man von Ferne auch das Geschrei der Möwen durch den 4-spurigen Verkehr vor der Promenade. Diese positiven Eindrücke werden allerdings wettgemacht durch Schimmel und Muff im Kleiderschrank und eine Matratze auf dem Himmelbett, die einem Fakir gefallen hätte, nicht aber meinem Rücken. Eine Nacht später bin ich im Grand.

Nun besteht Brighton nicht nur aus Hotels und ich begebe mich bei wärmer werdendem Regen auf Erkundung. Die Attraktion des Jahres habe ich leider um einen Tag verpasst, den 10. Naked Bike Ride, ein Nacktfahrradrennen gegen den Klimawandel. In Anbetracht der Temperatur an diesem Tag, muß das Rennen ein voller Erfolg gewesen sein.

Höhepunkt der Jahres in Brighton…

Eine Sehenswürdigkeit, die nicht nur einmal im Jahr zu sehen ist, sind die sog. Lanes. Dabei handelt es sich um eine Siedlung alter kleiner Fischerhäuser unweit der Promenade. In der Tat lohnt sich ein Bummel durch die winkligen und engen Gassen. Alte Pubs, nette Cafés (z.B. das Coho Café) und Antiquitätenläden finden sich hier ebenso wie eine ganze Batterie von Juweliergeschäften und dem ein oder anderen Tourilokal. Was die Juweliere hier wollen, weiß ich nicht. Möglicherweise sind sie auch einfach nur übriggeblieben, wie das durchaus stattliche Grandhotel. Glaube kaum, daß Jungesellenabschiede, die diesen Ort regelmäßig heimsuchen, nach Fisch und Chips mit warmen Bier an der Promenade nochmal schnell einen Brilli für die Freundin einsacken. Oder doch ?

Silo Restaurant

Nördlich der Lanes schließen sich die „Northern Lanes“ an, ein eher alternatives Viertel mit vielen interessanten Klamottengeschäften, Plattenladen, Trödel, Pubs, Graffitimalereien und einigen Restaurants, darunter das Silo. Der Höhepunkt des Tages, und man muß leider auch sagen, meines zum Glück nur dreitägigen Aufenthalts. Das Silo ist ein Bäckerei-Café-Restaurant in einem unscheinbaren Lagerhaus an einer unscheinbaren Strasse, aber gut zu finden aufgrund der markanten schwarze Fassade, die auch den Namen verrät.

Fassade in Brighton
Restaurant Silo

Neben der Bäckerei ein Gastraum, funktional eingerichtet und getreu dem Motto des Lokals Reuse – Reduce – Share – Repeat. Es wird demnach ein durchweg ökologisches und lokales Konzept gefahren. Was mir gefällt, ist die Mischung aus „normalem“ Café – neben mir sitzen stillende Mütter, Studenten beim Plausch – und durchaus anspruchsvoller Küche. Auch hier ist weniger mehr. Es gibt Fisch, Fleisch und Vegetarisch, jeweils Vor-, Haupt- und Nachspeise. Die Ochsenzunge vorweg war durchaus essbar, wenn man Ochsenzunge mag, vielleicht auch lecker. Ich spüle sie mit einem hausgebrauten Ale runter.

Lustig: sowohl Bier als auch Wasser werden in Senf- und Marmeladengläsern serviert. „Reuse“ lässt grüßen. Eine Wucht dagegen die langsam gegarte Lachsforrelle. Sieht roh aus, ist es aber nicht, stattdessen zart wie Butter, ein Traum. Sie liegt auf einem dezenten Petersilienölbett mit jungen bissfesten Erbsenschoten, ordentlich Liebstöckel dabei. Zum Dessert wird mir „Seabuckthorn“ empfohlen mit Eis von der braunen Butter. Laut Kellner handelt es sich bei Seabuckthorn um etwas aus dem Meer (wie der Name vermuten läßt), ich hake nach und mir wird bestätigt, hier werden Algen serviert. Ich bestelle rein aus Neugier und konsultiere das weltweite Datennetz. Hab ich mir´s doch gedacht. Nix mit Alge: Sanddorn. Was kommt ist denn auch ein kräftig-säuerliches Sanddorngelee im typisch knalligen Orange, dazu Sanddornsorbet das wunderbar mit dem nicht zu süßen Butter-eis mit Karamellstreuseln harmoniert. Zum reinlegen. So, jetzt kann ich den Rest des Tages auch noch ertragen, der wie erwartet mit Geschäftspartnern an der Bar bei schalem Bier zu Ende geht.

19 comments on “Verdamp lang her, verdamp lang…. Brighton 2016

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  2. Hallo Eddy,

    ein Seebad auf dem absteigenden Ast wird sicher durch graues Regenwetter nicht attraktiver. Bei Sonnenschein hätte man vielleicht maroden Charme entdecken können.
    Immerhin hast du noch ein offensichtlich vorzügliches Restaurant finden können.

    LG
    Gina

    • Eddy Harteneck

      Moin Gina… zum Glück, sonst hätte ich mich wohl vom Pier in die kalten Fluten gestürzt… 😉 Gruß, Eddy

  3. Lieber Eddy,
    wieder einmal sehr schön geschrieben. Der Beitrag beginnt wie ein guter Krimi und das schlechte Wetter gehört doch irgendwie zur Atmosphäre dazu, oder? 🙂
    Das Silo-Café-Restaurant gefällt mir zumindest von außen sehr gut und ich glaube, ich würde mich dort pudelwohl fühlen.
    Allerdings ist es schon einmal gut zu wissen, dass drei Tage oder weniger vollkommen ausreichend für Brighton sind. 🙂

    Viele liebe Grüße
    Kathi

    • Eddy Harteneck

      Moin Kathi, mit dem Wetter hast Du natürlich Recht… dann aber lieber Regen in London oder in Schottland, während ich im Pub sitze. Für Brighton ist kein Tag auch völlig ausreichend… 😉 LG, Eddy

  4. Hallo Eddy,
    wenn dort nichts mehr passiert und die Stadt weiter so verfällt, dann ist es bestimmt super, in ein paar Jahrzehnten wieder her zu kommen. So richtig abgehangene Ecken haben dann wieder ihren ganz besonderen Charme. Ich denke da z.B. an eine Konferenz in Bandung, auf der ich mal war und in dem Hotel hatte die große Bandung-Konferenz 1955 stattgefunden; seitdem war offensichtlich nichts renoviert worden und die Kakerlakenfamilie in meinem Zimmer fühlte sich sehr wohl. Aber ich schweife ab… Brighton kenne ich auch vom Schulunterricht und war noch nie dort. Vielleicht ergibt es sich ja mal. Wenn ich mal Lust auf Nacktradeln habe, ist das ja perfekt dafür.
    Liebe Grüße
    Barbara

    • Eddy Harteneck

      Hallo Barbara, ich mag Orte mit Patina oder morbidem Charme auch ganz gerne… aber Brighton war einfach nur billig… in ein paar Jahren schau ich vielleicht auch mal wieder vorbei und natürlich wenn Du zum Nacktradeln dort bist… 😉 LG, Eddy

  5. Hallo Eddy,
    lustig, ich habe Brighton ganz anders empfunden. Allerdings hatten wir auch mehr Sonnenschein als Regen. Für mich ist die Stadt eine interessante Mischung aus Hippie, Punk und Bollywood – mit vielen netten Restaurants und Cafés. Dich scheint Brighton wirklich auf dem falschen Fuß erwischt zu haben… 😉
    LG
    Katharina

    • Eddy Harteneck

      Hallo Katharina, vielleicht hast du ja Recht und ich hatte nur eine schlechte Woche… aber Bollywood ? Da hab ich wohl was verpasst… mag die Filme von dort und hätte mir gefallen .. LG, Eddy

  6. Es gibt ja solche Orte bei denen man bestimmte Erwartungen hat und dann passt irgendwie gar nichts. Bei mir war das damals Vietnam, ich hatte immer endlos grüne Reisfelder vor Augen und es hat doch tatsächlich 3 Wochen gedauert bis ich den ersten größeren Grünstreifen sah. Ich kann deine Enttäuschung deshalb gut verstehen, da hilft nur noch einmal wieder kommen oder abhaken.

    Viele Grüße

    Victoria

    • Eddy Harteneck

      Moin Victoria, ich mache beides… abgehakt ist es schon, aber wahrscheinlich fahre ich wieder zu dieser Tagung. Da ich dann gar keine Erwartungen mehr an das Kaff habe, werde ich möglicherweise positiv überrascht… LG, Eddy

  7. Stimmt 🙂 Brighton ist für mich auch nur aus dem Englisch Unterricht ein Begriff.
    Eine richtig coole Geschichte baust du um einen Ort, der sicher bei Sonnenschein einen ganz anderen Flair bekommt.
    Sollte mich mein Weg dorthin mal verschlagen, das Silo-Cafe werde ich mir ganz sicher merken.

    Viele Grüße
    Katja

    • Eddy Harteneck

      Hallo Katja, Du magst Recht haben, daß Brighton bei Sonnenschein erträglich ist… ein Bier am Strand mit Wind in der Haaren (bzw. bei mir auf der Halbglatze) kommt immer gut, egal wo… LG, Eddy

  8. Danke für den schönen Artikel, ich habe sehr gelacht. Der Mix zwischen Muff, Abgehalftert und Möchte-gern hört sich nicht an, wie einen Ort, den man gerne besuchen möchte. Trotzdem werde ich mir auch Brighton anschauen, wenn es mich endlich mal in diese Ecke treibt.

    VG, Nina

    • Eddy Harteneck

      Moin Nina, trau Dich ruhig hin. Vom Flughafen Gatwick ist es nicht weit, und wenn es ganz schlimm ist, kommst Du einigermaßen zügig nach London. Dort findet man zwar auch eine Menge Muff und Möchte-Gern, aber eben auch anderes… LG, Eddy

  9. Hallo Eddy,
    mir geht’s erstmal wie dir… kenne Brighton vor allem aus dem Englischunterricht… schade, dass es deinen Erwartungen so ganz und gar nicht entsprach.
    Nun ja, GB ist ja nicht gerade für seine kulinarische Klasse bekannt… da sollte man also nicht zu viel erwarten! 😉 Immerhin gab es einigermaßen gutes Bier, oder?
    LG aus dem hohen Norden (wo das Essen auch nicht immer ein Knaller ist!!),
    Hartmut

    • Eddy Harteneck

      Hallo Hartmut, du wirst überrascht sein, man kann – zumindest in London – ganz ausgezeichnet Tafeln und das sogar englisch. Ein diesbezüglicher Artikel ist in Arbeit… Bier gab´s auch und es hat seinen Zweck erfüllt… 😉 LG, Eddy

  10. Hallo Eddy,
    wow, ich bin echt überrascht, dass Du so enttäuscht von Brighton warst.
    Vielleicht lag das auch am schlechten Wetter und zu hohen Erwartungen aus dem Englischunterrricht. 😀
    Ich war zwar zuletzt vor 2-3 Jahren dort, aber habe Brighton wirklich geliebt!
    Der romantische Pier, die hippen Viertel und süßen Geschäfte ..
    Gib der Stadt im Sommer nochmal eine Chance! 🙂
    Liebe Grüße,
    Jessi

    • Eddy Harteneck

      Hallo Jessi, Du meinst der wenig schmeichelhafte Bericht lag an dem schlechten Wetter, dem miesen Hotel und an der lauen Konferenz, die ich besuchen musste ?…. hmmm …. ich denke drüber nach, und verspreche beim nächsten Trip auch zum romantischen Pier zu gehen… LG, Eddy

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