Europa Food Travel

Muezzine schlafen nicht ! – Istanbul 2016

Istanbul

Abends, kurz vor Sonnenuntergang, habe ich sie noch ganz verzückt betrachtet. Ein Traum in weiss, ein Anblick wie er schöner nicht sein könnte vor dem Türkis des Bosporus und dem satten Grün gegenüberliegender Hügel, die schon Asien sind. In der Nacht dann wieder verflucht. Und wie ! Um 03 Uhr und 30 Minuten ging das Gejaule los. Ich weiß nicht mehr, wie lange. Aber ich weiß, dass ich aufgewacht bin. Und nicht wieder einschlafen konnte. Aber was reise ich auch zum Ramadan nach Istanbul. Die Türkei ist schließlich nicht Saudi Arabien  dachte ich mir – noch nicht zumindest. Türken trinken, Türken scheren sich wenig ums Fasten – zumindest die meisten. An Ramadan in die Türkei ist also kein Thema. Denkste.

The House Hotel

Nicht wenn dein schickes Designhotel neben einer Moschee liegt. Nicht wenn zu Ramadan mitten in der Nacht die Gläubigen daran erinnert werden, noch ein kleines Nachtmahl einzunehmen, bevor Sie sich wieder schlafen legen und damit sie den Tag ohne Trinken und Essen gut überstehen. Gefühlte zehn Minuten Allahuakbar in allen möglichen und unmöglichen Tonlagen. Da bleibt kein Auge zu. Ich schaue ungläubig – was ich aus Muselmanenperspektive nun mal bin – auf die Uhr und schimpfe. Wieso bin ich nicht wieder in Galatasaray abgestiegen. Dort wäre die Moschee weiter weg gewesen. Aber ich mußte ja diesmal nach Ortaköy, früher ein Vorort Istanbuls am Bosporus. Ganz früher. Heute quirliges Stadtviertel – natürlich immer noch am Bosporus – mit der zauberhaften Iskele Moschee (wenn nicht gerade der Muezzin auszuckt) gleich unter der modernen Hängebrücke, die hinüber nach Asien führt. Auf dem Meer schippern Ausflugsboote, der Fähranleger nach Üsküdar, jenseits von Europa, ist nicht weit. Bars, Restaurants und Geschäfte, die den üblichen Tand anbieten in Fallweite. Und mittendrin das The House Hotel Bosphorus. Eine kleine aber feine Hotelkette mit angeschlossenen  Café-Restaurants an den schicksten Ecken der Stadt. Sieht man auch am Publikum. Die Junior Suite im vierten Stock mit kleinem Balkon Richtung Wasser und Moschee ist formidabel, das Personal freundlich und das Frühstücksbuffet exzellent. Und das nicht nur wegen des Blicks über das Wasser nach Asien während man seine Honigwaben auf Simit (Sesamkringel) oder Oliven mit pochierten Eiern verspeist. Wer das nicht mag kann sich an Suçuk (Knoblauchwurst) und den wenig spektakulären Sorten von Peynir (Käse) laben.

Überhaupt ist Istanbul eine Stadt der Blicke. Wie Rom auf sieben Hügeln errichtet und mittlerweile wahrscheinlich auf siebzig Hügel angewachsen bietet es alles was das Fotografenherz begehrt. Blicke. Und Aussichten. Und Panoramen. Es ist fast egal, wo man in dieser Stadt steht, nie ist das Wasser weit, Moscheen recken allerorten ihre filigranen Türme gen Allah, grüne Hügel wechseln sich ab mit dem Wirrwarr unübersichtlicher Stadtviertel. Ich kenne wenig Städte – auch wenn sie am Wasser liegen – die ihre Gesichter so schnell wechseln wie Istanbul, ganz gleich ob vom Wasser und den zahlreichen Fähren aus oder von den Terrassen so mancher Restaurants.

Semamkringel
Sehr lecker… Sesamkringel/Simit “to go”

Neolokal

Erst gestern hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, mal wieder mutterseelenallein eine solche Restaurantterrasse zu entdecken. Das Neolokal im Stadtviertel Karaköy unterhalb des Galataturmes (unbedingt besteigen) liegt in einem alten Bankgebäude. Könnte einrichtungstechnisch – sehr modern mit offener Küche im ersten Stock, feudal-elegant im zweiten – auch in London oder New York stehen. Aber den Blick auf die Sultan Süleyman Moschee, die Galatabrücke mit ihren aufgereihten Anglern, den großen Basar und die Möwen über der Terrasse. Das kann New York nicht und London schon dreimal nicht. Diesen Blick kann nur Istanbul. Und das Essen, wenn auch international inspiriert und preislich am Geldbeutel der Touristen orientiert, wird man auch kaum in anderen Metropolen finden. Das Degustationsmenü beginnt mit Topik, einem armenischen Gericht, so die hübsche und perfekt Deutsch parlierende Kellnerin (Deutsche Schule Istanbul, abgebrochenes Architekturstudium in Berlin). Karamellisierte Zwiebeln in einer faustgroßen Teigkugel, gebadet in Tahine (Sesamsoße) mit getrocknetem Irgendetwas. Dazu das knusprigste Brot, das ich lange gegessen habe. Um es zu brechen, muß ich mir schon etwas Mühe geben, unter der Kruste beiße ich in fluffig-weiße Schmolle mit Mohnkörnern durchsprengselt. Spezielles Backverfahren, habe ich mir erklären lassen. Die geräucherte Makrele danach schmeckt frisch und saftig, den gegrillten Oktopus gibt es in Galicien zarter,  war aber nicht von schlechten Eltern.  Allerdings frage ich mich bei diesem mittlerweile sehr populären Gericht, ob die „zarten Raucharomen“ tatsächlich von Holzkohlerauch kommen oder ob die Chemie ihre Hände im Spiel hat. Wie dem auch sei, lecker isset… Beim Lamm mit getrockneten Früchten auf Bulgur gebe ich fast auf, ist aber zu gut. Einzig die Weinbegleitung in Neolokal gibt einen Abzug und zwar einen gewaltigen. Durchweg Durchschnitt, Erklärung keine (und ich glaube das lag nicht nur an der Sprachbarriere) was angesichts der Küche sehr bedauerlich ist.

Bar im Neolokal

Zübeyir Ocakbasi

In jedem Fall ist das Neolokal und ähnliche Läden wie beispielsweise das Yeni Lokanta (kein Blick aber vorzügliche offene Weine), also modern und experimentierfreudig, ein Kontrastprogramm zu beispielweise der Zübeyir Oçakbası. Ein Oçakbası ist ein traditionelles Grillrestaurant, in dessen Zentrum – was Wunder – ein Grill steht. In diesem Fall mehrere, nämlich je einer in drei Stockwerken. Immer gerappelt voll, so daß ich als einzelner Gast gerade einen Platz am Grilltresen bekomme. Besser kann man nicht platziert werden. Soweit man Hitze verträgt. Ein kühles Efes Pils oder mit Eiswürfeln bestückter Rakı (Anisschnaps, getrunken mit Wasser und Eis) helfen da allerdings ab. Die Karte ist einfach, Lammkottelets, Lammkoteletts Spezial, Leberspieß (nehme mal an Lamm), diverse Hack- und sonstige Spieße, alles über Holzkohle und vor meinen Augen zubereitet. Angetan haben es mir die Spezialkottelets, bei denen der schnauzbärtige Grillchef vor mir ein Lammkarree so präpariert, wie ich es demnächst von meinem Metzger richten lasse. Es wird von den Knochen her aufgeklappt, quasi flachgelegt, nicht ausgelöst. An jedem Knochen vorbei wird ein schmaler Spieß gesteckt, ohne das Lammkaree zu trennen. Sieht dann aus wie ein Fächer, wenn es auf der Kohle liegt. Erst nach dem Grillen kommt das Hackebeil. Die Spieße werden abgezogen und das Lammschnitzel mit Knochen in Streifen getrennt. Dazu passt der Bauernsalat, eine zentimeterdicke Lage feinstgeschnittener Petersilie über Tomaten-Zwiebeln in leckerer süß-saurer Tunke. Oder die gegrillten roten Paprika aus Izot in Joghurt. Oder einfach nur die etwas zu scharfen Chili-Brotfladen und Rakı zum Schmerzstillen.

Istanbul Ich komme wieder.

Und hier noch ein paar Fakten:

Zübeyir Ocakbasi Istanbul

Adresse: Sehit Muhtar Mahallesi Istiklal Cad./Bekar Sokak 28, Beyoglu Tel.: +90 212 293 3951 E – Mail : info@zubeyirocakbasi.com.tr

The House Hotel Bosphorus

Adresse: Salhane Sokak No.1, Ortaköy 34347 Istanbul, Turkey Tel.: +90 (212) 327 77 87 E-Mail: info.bosphorus@thehousehotel.com

Neolokal

Adresse: Karaköy, im Salt Galata, Bankalar Allee Tel.: +90 212 244 00 16 E-Mail: info@neolokal.com

21 comments on “Muezzine schlafen nicht ! – Istanbul 2016

  1. Pingback: Was liegt an ? Blogparade Reiseziele 2017 – BONVIVANT @ WORK

  2. Hallo Eddy,
    ein sehr schöner und schön beschriebener Bericht, der einerseits Hunger macht und andererseits viele Tipps für die nächste (Dienst-)Reise nach Istanbul enthält.
    Viele Grüße
    Diana

  3. Istanbul waren wir leider noch nicht, sieht aber wunderschön aus. Das Essen verlockt mich nun nur noch um so mehr und da mich in der Regel auch der Muezzin nicht stört sollte das auch kein Problem sein.
    Das Restaurant werde ich mir auf jeden Fall merken.

    Viele Grüße
    Victoria

    • Eddy Harteneck

      Moin Victoria, dann hoffe ich, dass ihr es bald mal dorthin schafft…ich habe normalerweise auch kein Problem mit dem Muezzin, gehört ja irgendwie dazu…LG, Eddy

  4. Hi Eddy,
    Istanbul steht schon länger auf meiner Reisewunschliste, aber geschafft habe ich es bisher noch nicht. Hast du mitbekommen, ob man auch als Vegetarier gut essen kann? Deine Restaurants sind jetzt nicht so wirklich was für mich 😉
    VG Simone

    • Eddy Harteneck

      Hallo Simone, aber sicher… in fast jedem Lokal (auch in den einfachen) gibt es “Mezze”, das sind warme und kalte Vorspeisen, zB. Auberginensalat, gefüllte Weinblätter, gegrillter Joghurt mit Paprika, Petersiliensalat, eingelegte Bohnen. Auch sonst findest Du leckere Gemüseeintöpfe mit Reis oder eben Falafel… und Hühnchen oder Fisch gibt es auch in allen Variationen… 😉 LG, Eddy

  5. Hi Eddy,

    danke für den spannenden Bericht! Ich war noch nie in der Türkei, kenne aber aus Dubai das Gefühl, wenn man neben einer Moschee schläft 😀 Das kann echt übel sein, wobei zumindest nicht Ramadan war, als ich dort war!

    Liebe Grüße,
    Barbara

    • Eddy Harteneck

      Hallo Barbara, dann solltest Du das unbedingt ändern… kenne außer Istanbul zwar recht wenig von der Türkei und bin mir sicher, das eine hat mit dem anderen wenig zu tun… aber die Stadt am Bosporus ist ein absolutes Muss für jeden kulturinteressierten Reisenden… LG, Eddy

  6. Hallo Eddy,
    das hört sich – bis auf den Schlafentzug, der mich vermutlich mürbe gemacht hätte – alle ganz toll an. So oft habe ich schon positive Berichte von Istanbul gelesen und war doch noch nicht da. Vermutlich habe ich hier eine Chance verpasst, denn wer weiß, wie es jetzt mit der Türkei und ganz speziell solch relativ westlich orientierten Städten weitergeht. Das macht mich irgendwie traurig.
    Herzliche Grüße
    Sabine

    • Eddy Harteneck

      Moin Sabine, ich denke, Istanbul zu bereisen, ist auch in der jetzigen Lage überhaupt kein Problem. Bin regelmäßig dort und habe mich immer sicher gefühlt. Allerdings meide ich die Istiklal (Haupteinkaufsstr.) und den Taksim Platz. Für Deine Luxushotelserie findest Du in Istanbul sicher auch einiges… LG, Eddy

  7. Hallo Eddy,
    das klingt ja prima… und lecker! Das “Muezzinproblem” kenne ich nur zu Genüge, die hielten mich bei unserem Besuch in Istanbul auch wach… erst am Ende der Reise hatte ich mich daran gewöhnt und konnte besser schlafen!! 😉
    Leider haben wir Istanbul aufgrund der aktuellen politischen Entwicklung in der Türkei von unserer Liste der Reiseziele gestrichen, sonst hätte ich mir deine Empfehlungen gleich mal notiert… aber wer weiß, vielleicht ergibt sich in der Zukunft doch noch mal wieder die Gelegenheit, an den Bosporus zu fahren – wir würden es sehr begrüßen!
    Beste Grüße aus dem hohen Norden,
    Hartmut

    • Eddy Harteneck

      Moin Hartmut, nichts wird so heiß gegessen wir es gekocht wird… gilt auch für die politische Lage in der Türkei… bin geschäftlich ab und an dort, überhaupt kein Problem. Ich halte mich von Demos oder ähnlichen Aufläufen fern und allzu touristischen Ecken…letzten Endes kann man immer am falschen Platz zur falschen Zeit sein. Also nichts wie hin… LG, Eddy

      • Ich sehe das eher gesellschaftspolitisch als dass ich jetzt unmittelbare Bedenken hätte, wegen Anschlägen usw. Das kann dir auch in Berlin, Paris oder Stockholm passieren… und um Polizeistationen, Demos usw. haben wir damals auch schon einen weiten Bogen gemacht.

        Für mich läuft die Entwicklung in der Türkei im Moment einfach in die falsche Richtung, weshalb eine Reise dorthin für mich zum jetzigen Zeitpunkt nicht in Frage käme. Ich muss ja nicht dorthin fahren, kann es also sein lassen. Es gibt einige Länder, die ich aus ähnlichen Gründen nicht besuchen würde.

        LG
        Hartmut

        • Eddy Harteneck

          Moin Hartmut, mit der politischen Entwicklung hast Du natürlich Recht und es gibt ja auch genügend Länder, in die man ohne Magengrimmen reisen kann… jeder muß da den für sich richtigen Weg finden. Für mich wäre das zu kompliziert, jedes Land auf seine ethische Reisetauglichkeit zu prüfen und will auch nicht nur im “Westen” bleiben… selbst hier bekommt man ja mitunter Kopfschmerzen, wenn man sich die politische Entwicklung anschaut… sehe mir lieber Restaurants und Kneipen an, da landet die Kohle wenigstens nicht bei den Falschen… 😉 LG, Eddy

  8. Super, ich hätte frühstücken sollen bevor ich diesen Artikel lese. Jetzt will ich Sesamkringel. Und hab ich die im Haus, hm? Nein, natürlich nicht… :p
    Nach Istanbul wollte ich auf jeden Fall auch mal, aber aufgrund der seit einiger Zeit politisch und aus Sicherheitsgründen etwas schwierigen Situation verkneifen wir uns das momentan. Wir hoffen natürlich, dass sich die Situation bald bessert, aber ehrlich gesagt sehen wir das in nächster Zeit nicht…
    LG

    • Eddy Harteneck

      Moin Katrin, keine Sesamkringel im Haus ? Das ist natürlich ausgesprochen betrüblich, genauso wie die politische Lage. Nehme an, beides wird sich irgendwann ändern… 😉 LG, Eddy

  9. Hallo Eddy,
    jetzt habe ich definitiv Hunger! Das Degustationsmenü klingt hervorragend – zumal ich die türkische Küche liebe. Drei Jahre mit türkischen Vermietern haben ihre kulinarischen Spuren hinterlassen… 😉 Istanbul steht schon lange auf meiner Wunschliste, allerdings wird das in nächster Zeit leider nichts werden… Mir persönlich ist die politische Lage momentan deutlich zu angespannt. Aber irgendwann ganz sicher…
    LG
    Katharina

    • Eddy Harteneck

      Moin Katharina,auch wenn die Lage nicht gerade rosig zu sein scheint…nicht verzagen. Ist meistens nicht so schlimm wie´s beschrieben wird. LG, Eddy

  10. Hallo Eddy,
    Muezzine schlafen nicht – das habe ich auch auf Malaysia erleben dürfen. 😀 Generell bin ich ein riesiger Fan der türkischen Küche. Für gutes Ocakbasi, oder eher Fleisch darauf zubereitet, stelle ich mich gerne Ewigkeiten an.
    Liebe Grüße
    Jessica

    • Eddy Harteneck

      Moin Jessica, da haben wir was gemeinsam… vielleicht treffen wir uns ja irgendwann einmal im türkischen Holzkohlerauch… bis dahin die besten Grüße, Eddy

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