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Von wegen Todesküste – Abstecher nach Galizien

Hatte ich mir etwas wilder vorgestellt, die Todesküste. Tosende Wellen, Endzeitlärm und Schiffswracks an jedem zweiten Felsen. Finisterre, das Ende der Welt, ist hier ganz in der Nähe, ich sollte also an einer Küste, die sich hochtrabend Costa da Morte nennt, etwas mehr Stimmung erwarten. Dafür habe ich mir allerdings die falsche Jahreszeit ausgesucht. Der Gischt werde ich heute nicht trotzen können und mich auch in keinen Wind werfen.

Die Todesküste

Stattdessen zuckele ich gemütlich von Laxe (einem Fischerdorf mit Strand) nach Malpica de Bregantiños (ein Fischerdorf mit Strand). Dazwischen abwechselnd Strände, sattgrüne Wälder, Felsküste und – bevor ich´s vergesse – Fischerdörfer. Es ist schwer zu glauben, daß es hier kaum Tourismus gibt, ist doch eine Bucht schöner als die andere. Die Strände weiss bis ocker, das Wasser klar und von einem kräftigen Türkis. Bilderbuch. Zu allem Überfluss ist die Gegend auch noch gesegnet mit weltbesten Fischen und Meeresfrüchten. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Angefangen von Entenmuscheln, auf Spanisch Percebes, bis hin zu aaligen Neunaugen (Lamprea).

Percebes lieben angeblich wellenreiche Küsten und gedeihen am besten in wilder Brandung. Dementsprechend schwierig ist die Erntearbeit der Percebeiros, die sich an einem Seil in die Fluten begeben und bei rückläufiger Welle die Tiere mit einem Spachtel vom Felsen trennen. Mühsam zu ernten, saugefährlich (jedes Jahr sterben mehrere Muschelsammler) und durchaus lecker. Schmeckt wie besonders zarter, leicht süsslicher Kalmar, mit einem Hauch Meerwasser. An den Anblick muß man sich jedoch gewöhnen. Wenn man  den schlauchigen Strunk vom Muschelkopf (der namensgebende Entenschnabel) getrennt hat, baumelt ein lila-rosa Wurm zwischen den Fingern. Geschmackssache. In jeder Beziehung. Will man diese Entenmuscheln einmal probieren oder Neunaugen im eigenen Blut (Lamprea á la Bordelaise), ist das Restaurant As Garzas in Barizos eine sichere Bank.

Restaurant As Garzas

Ich habe insoweit Glück, als gerade keine Neunaugensaison ist, schätze ich doch weder Aal noch andere wurm- oder schlangenähnlichen Fische. Komme also gar nicht erst in Versuchung. Die Wahl fällt so schon schwer genug. Das Degustationsmenü klingt vielversprechend, aber 11 Gänge möchte ich mir an einem Sonntag-Nachmittag nun wirklich nicht antun. Zum Glück ist der Service nicht nur ausgesprochen freundlich, sondern auch flexibel. Ich darf das halbe Menü ordern, was ich einige Gänge später bitter bereue, denn fast alles ist zum Niederknien. Das marinierte Wolfsbarsch-carpaccio (Lubina) mit Tupfen von Limonenmayo und Fenchel ebenso wie der Hummergyoza (Lubrigante auf Gallego, Bogabante auf Spanisch) im eigenen Sud oder die Makrele in Pil-Pil Soße. Den Vogel aber schießt die Seebarbe (Salmonete) ab. Kleine gebratene Barbenstückchen liegen auf einem Bett von dünnem geröstetem Paellareis, dem Pfannenrest (Socarrat). Das Alioli ist mit Fett aus ausgekochten Seehechtköpfen (Merluz) angemacht und passt wie die Faust auf´s Neunauge. Als ich schon nicht mehr kann, kommt der Nachtisch. Den wiederum hätte ich mir komplett sparen können. Ein sog. „Moji-Taco“, dekonstruierter Mojito auf Tacofladen. Nette Idee aber völlig mißraten, die grün-weiße Mischung im Pfannkuchen ist leider nur pappsüß und ohne Pfiff. Mir klebt noch Minuten später der Mund, der nur kurz vor meinem Biß in die Fehlkreation voll Aroma war von Fisch, Limone und Bratpfanne. Eindeutig nicht die Stärke des Hauses, die neben vorzüglichem Fisch auch eine ausgesuchte Weinkarte hat, wie in Spanien üblich zu absolut zivilen Preisen. Ich probiere einen leichten Ribeiro, hiesige Weißweintraube, den landestypischen Albariño ausnahmsweise länger auf der Hefe gelegen und damit wuchtiger als der übliche salzig-mineralische Wein dieser Sorte. Meines Erachtens gibt es nichts Besseres zu Fisch als Albariño aus Galizien. Aber auch der Godello ist nicht von schlechten Eltern. Dies eine weitere im Norden Spaniens verbreitete Weißweintraube. Im As Garzas macht also nicht nur das Essen Spaß. Schade, daß ich noch fahren muß und die Todesküste am Ende der Welt ist. Aber vielleicht komme ich zur Neunaugensaison wieder, neugierig bin ich ja schon…

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